IAA 2019 – Der Druck nimmt zu – nur wenige stellen sich wirklich neu auf!

By Gordian Hense
Symbol der Lage - Mini Mitarbeiter schauen der Opel Präsentation zu.Symbol der Lage - Mini Mitarbeiter schauen der Opel Präsentation zu.

Die IAA 2019, (ehemals) eine der grössten Auto-Messen der Welt, wird heute von Frau Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, für den Publikumsverkehr eröffnet. Kein anderes Land auf der Erde ist so abhängig von diesem Geschäft, wie Deutschland. Deshalb war und ist die IAA (Internationale Automobil-Ausstellung) immer auch ein Seismograph für die Erschütterungen, Entwicklungen und Bewegungen in diesem Markt in Europa. Dieses Jahr zeigt sich das ganz besonders.

Bis zu 30 Hersteller fehlen, Chinesen auf dem Vormarsch

Ein grosser Teil an Herstellern bleibt der Messe fern, was auch ihre Haltung in Bezug auf die Marktentwicklungen darstellt. Sie stellen sich den Herausforderungen gar nicht erst und scheinen schon aufgegeben zu haben. Die anderen, die gekommen sind, kann man in zwei Lager teilen. Das eine Lager, dass mit immer grösseren Superlativen seine „symbolische“ Position behaupten will und ein paar wenige, die sich der Lage ernsthaft stellen. Dazu zählen Opel und Volkswagen.

Bezeichnend ist auch unser Artikel-Hauptbild. Symbol der Lage – Mini Mitarbeiter schauen der Opel Präsentation zu. Während Michael Lohscheller (CEO Opel) zusammen mit Jürgen Klopp (Trainer FC Liverpool) und Carlos Tavares (CEO PSA) die Pressekonferenz für Opel eröffnen, in der sich Opel aber auch PSA klar zur Elektromobilität bekennt, stehen bei Mini und gegenüber am Stand BMW alle etwas ratlos da. Dort herrscht leider nur der Geist des „weiter so“.

Sportlich, umweltbewusst, bezahlbar Opel Corsa-e

Sportlich, umweltbewusst, bezahlbar Opel Corsa-e

Opel – Vollelektrischer Corsa-e, Grandland X Hybrid4

Wie bereits angekündigt, präsentiert Opel auf der IAA 2019 seine vollumfängliche Strategie für die Zukunft, die sich klar zur Elektromobilität bekennt, aber dennoch die Kunden nicht bevormunden möchte. Alle Fahrzeuge im Opel-Konzern sollen bis 2024 vollelektrisch angeboten werden. Der Kunde wird aber entscheiden können ob er doch lieber einen Diesel- oder Benzin-Motor eingebaut haben möchte. Die neuen Plattformen im PSA Konzern CMP und EMP2 machen das möglich. Die präsentierten, echt jetzt bestell- und fahrbaren Fahrzeuge sind dazu weder Concept-Cars noch utopische Luxus-Visionen für mehrere Hunderttausende an Euro, wie sie andere auf der Messe präsentieren und den Menschen den Sand der Träume in die Augen schütten wollen. Opel unterstreicht seine Bekenntnis zur Elektromobilität durch den Bau des Opel Corsa-e Rallyeauto. Der in Zukunft im ADAC Opel-Rally-Cup #OpelRally zum Einsatz kommen soll.

Realistische Angebote die Spass machen, die Umwelt schützen und sich der Konkurrenz aus China stellen

Opel bietet jetzt schon eine realistische, bezahlbare und fahrbare Zukunft an, die andere noch in Visionen und Konzepten suchen. Das Konzept von Opel, mit dem dahinter stehenden Konzern PSA, ist rund, ehrlich, realistisch, bezahlbar und macht Freude. Mein subjektiver Eindruck ist, dass Opel mit PSA das einzige Unternehmen in Europa ist, das sich der Herausforderung der Zukunft stellt und dabei noch die richtigen Zielgruppen anspricht. Die Jugend. Die Technologie und Systeme werden in PSA auch bei den anderen Marken Früchte tragen. Das macht alles Sinn. Autohersteller brauchen in diesen Tagen schon klare Strategien um die Motivation auf das Level zu heben, auf dem wir in Europa gegen den zukünftigen Strom aus Asien bestehen müssen.

Opel Nutzfahrzeuge bis 2021 auch vollelektrisch

Das Opel seine Strategie ernst meint, erkennt man auch daran, dass Opel auf der IAA 2019 angekündigt hat, seine Nutzfahrzeuge bis 2021 als vollelektrische Fahrzeuge anzubieten. Der Vivaro wird sogar bereits in 2020 und der Opel Combo Life, Combo Cargo und Zafira Life als vollelektrische Fahrzeuge ab 2021 bestellbar sein. Das ist auch dringende nötig. Denn die Konkurrenz aus China will in den nächsten zwei Jahren mit bereits erprobten, seit zwei oder mehr Jahren hergestellten, liefer- und bezahlbaren elektrischen Nutzfahrzeugen auf den europäischen Markt kommen. Siehe unser Beitrag über den Maxus EV80 von SAIC. Man wird dann sehen, ob die europäischen Fahrzeuge, trotz Mehrkosten von bis zu 10’000 Euro, dann noch konkurrieren können.

 

Volkswagen ID3

Volkswagen ID3

VW macht mit dem ID.3 den richtigen Schritt und provoziert mit niedrigem Preis

Neben dem Opel-Stand ist der Volkswagen-Stand der meist besuchte Stand auf der IAA 2019. Dafür hat VW mit der Ankündigung des ID.3 gesorgt. Während Opel auf Autos setzt, in die auch Benzin- und Diesel-Motoren eingebaut werden können, hat VW bei dem ID.3 den ganzen Schritt gewagt. Das gilt es zu würdigen. Den Unterschied sieht man im Design und im Raumangebot für die Fahrgäste. Während Opel Kompromisse wegen Benzin- und Diesel-Motoren machen muss, kann VW ein völlig neues Fahrzeug auf die Beine stellen. Noch dazu bietet VW den ID.3 ab 30’000 Euro an. Auch wird ein ID-Charger für 399 Euro von VW angeboten, mit der man zuhause mit bis zu 11 kW über Wechselstrom laden kann. Konkurrenzmodelle sind um bis zu 100 Euro teurer. Für 599 Euro bekommt man den ID-Charger Connect der dann auch über WLAN oder LAN von der Ferne aus gesteuert werden kann. VW möchte seine Kunden in die Lage versetzen überall laden zu können und schiebt in dieser Richtung vieles an. So wird der ID-Charger auch für nicht VW-Kunden zusammen mit Naturstrom über elli.eco angeboten.

VW ID BUZZ

VW ID BUZZ

Schade ist, dass der ID.3 das einzige vollelektrische neue und „bestellbare“ Fahrzeug des Konzerns ist und sonst nur, zwar schöne, aber eben nur Konzepte weiterer vollelektrischen Fahrzeuge existieren. Der wohl meist bewunderte und erwartete VW ID BUZZ steht leider auch nur als Konzept-Car auf dem Messestand. Wenigstens wird hier das vollelektrische Konzept in ein völlig neues Fahrzeug umgesetzt.

Honda e

Honda e

Honda e – schön aber wenig Enthusiasmus

Der lang ersehnte, weil so schön designte Honda e wird auf der IAA 2019 nun als bestell- und fahrbares Fahrzeug präsentiert. Leider entsprechen seine Werte nur denen eines Stadtautos. Mit einer Reichweite von max. 200 km ist er nur für den urbanen Raum konzipiert. Auch hat man das Momentum des Enthusiasmus über das schöne Design verspielt. Zu lange Zeit liegt zwischen der Ankündigung des Honda e und seiner Realisierung. Schade ist auch, das bei Honda keine klare Strategie für die Zukunft zu sehen ist. Honda setzt mehr auf Wasserstoff-Antriebe als auf Elektrofahrzeuge mit Batterie. Der Honda e wird also eine Ausnahme, eine Nische bleiben. Auch das wird so manchen von einem Kauf abhalten.

BMW i Next

BMW i Next

Mercedes-Benz EQS

Mercedes-Benz EQS

BMW, Mercedes und Co. – Visionen, Konzepte nichts fassbares, alte Fahrzeuge mit Elektromotor

So viel Mühe wie sich Mercedes-Benz, BMW und Co. auch mit ihren Messeständen gegeben haben, von der Produkt-Front und Strategie ist nicht viel Neues zu sehen. BMW und Mercedes versuchen mit den Konzepten Vision i NEXT und EQS mit den futuristischen, schwülstigen, grossmannssüchtigen Designs aus Asien – aka Byton und Co. Schritt zu halten. Aber was wirklich realistisch umgesetzt ist sind alte Fahrzeuge mit Elektromotoren. Keine Anpassung, keine Evolution keine neue Formensprache, kein Konzept für die Zukunft, keine Strategie. Das ist ein Armutszeugnis sondergleichen. Diese Kandidaten wären besser zuhause geblieben.

Hyundai 45

Hyundai 45

Hyundai zeigt sein Bekenntnis zu Wasserstoff und die Vision 45

Hyundai präsentiert seine Vision 45 auf der IAA 2019. Das elektrisch angetriebenen Coupé soll mit Drehsesseln und Sofa ausgestattet sein. Wenigstens ist dieses Design und Konzept näher an einer möglichen Realität als die von anderen gezeigte Zukunftsvision. Und Hyundai bekennt sich klar zum Wasserstoffantrieb – hat also eine klare Strategie. Der auf der Messe gezeigte NEXO mit Wasserstoff ist wirklich ein bestellbareres, jetzt lieferbareres SUV mit Brennstoffzelle auf Basis Wasserstoff. Das Coupé 45 soll der gleichen Technologie folgen. Das ist schon viel an klarere Kommunikation in diesen Tagen.

Great Wall Motors - Wey VV7

Great Wall Motors – Wey VV7

Wey, Byton, Honqi zeigen einen Vorgeschmack

Die Chinesischen Hersteller zeigen einen kleinen aber wichtigen Vorgeschmack auf der IAA 2019 was auf die Welt und Europa zukommt. Obwohl nur wenige Marken vertreten waren, kann man z.B. an Wey erkennen wo die realistische Reise hingeht. Bezahlbare, qualitativ hochwertige Fahrzeuge im SUV-Bereich mit batteriebetriebenem Antrieb zu günstigeren Preisen. Aus gut unterrichteten Kreisen weiss man, dass derzeit die Import- und Vertriebsstrukturen vieler Anbieter aus China in Europa vorbereitet werden. Das passiert unspektakulär und leise im Hintergrund. Derzeit starten mittelgrosse Nutzfahrzeuge mit Abschlägen um 25 % gegenüber lokalen Anbietern, die in 2020 lieferbar sind. Danach folgen PKWs mit ebenso vergleichbarer Qualität und Preisnachlässen. In zwei Jahren von heute an, also in 2021, werden viele Chinesischen Anbieter auf den Europäischen Markt liefern können.

Seit Jahren gebaut, ausgereifte Produkte, alltagstauglich und günstig

Diese Fahrzeuge werden in China schon seit Jahren gebaut, geliefert und man ist mit dem Service und der Infrastruktur vertraut. Vollelektrischer Antrieb ist in China zwangsweise ein „Must have“ und viele setzen dabei auf Batterien. Diese Fahrzeuge sind seit langem im Chinesischen Markt. Nun müssen nur die Vertriebs- und Logistikstrukturen in Europa aufgebaut werden, dann kann sofort nach Europa geliefert werden. Von Null auf Hundert in ein paar Monaten. In unserer Jahresübersicht der E-Autos, die in 2019 noch auf den europäischen Markt kommen sollen, kann man sich über weitere Modelle aus China informieren. Seit der Erstellung dieser Liste sind viele neue Modelle und Entwicklungen in China dazu gekommen. Die Deutsche Autoindustrie wird in ein, zwei Jahren von günstigen, elektrischen, batteriebetriebenen PKWs und Transportern mit Preisen um 25 % billiger überrascht werden. Die Chinesen treffen damit den Zeitgeist auf den Punkt. Verkaufszahlen hiesiger Anbieter werden einbrechen, wie es noch nie passiert ist. Was das für lokale Arbeitskräfte, Zulieferer und die Infrastrukturanbieter bedeutet, kann sich jeder ausmalen.

IAA 2019 - symbolisch leer?

IAA 2019 – symbolisch leer?

Fazit

Die IAA 2019 ist geschrumpft um Unternehmen die die Flinte wohl ins Korn geworfen oder ratlos vor ihren Computern sitzend keine klare Vision von der Zukunft haben oder haben wollen. Die Konkurrenz aus China kommt mit Siebenmeilenstiefeln, viel günstigeren Preisen und einer klaren Bekenntnis zu batteriegetriebenen Antrieben auf uns zu. Nur wenige aus Europa haben bereits jetzt dafür eine Antwort in Form realistische Produkte, Strukturen und es scheint auch einen fehlenden „Willen“ darauf entsprechend zu reagieren.

Opel hat sich diese „Not“ zu Nutze genommen und daraus anscheinend eine Tugend gemacht. Dem Wechsel zu PSA und die Unterstützung des neuen Konzerns unter Carlos Tavares sei Dank. Würden nicht alle dort an einem Strang ziehen, wäre es das wohl auch für diesen Konzern. VW „is too big to fail“, hat aber wenigstens den ID.3 auf die Beine gestellt und den klaren Willen zur Elektromobilität geäussert. Das ist schon viel wert in diesen Zeiten. Auf die Anderen, wie Porsche die „nur“ einen Taycan – „me too Tesla“ auf die Beine stellen oder mit Luxus für eine Promille Käuferschicht protzen, gehe ich gar nicht ein. Sie schaffen vielleicht Publicity und Medienpräsenz, mehr aber nicht. Die Masse möchte wissen woran sie ist. So hoffen wir, dass zukünftige IAAs noch existieren werden und nicht so leer sind, wie auf dem oben geschossenen Foto.

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Über den Autor

Gordian Hense
Gordian Hense, Dipl. Wirtschaftsingenieur (FH) war lange Jahre in der Deutschen Automobilindustrie tätig und beschäftigt sich seit dem mit diesem Thema. Neben Fahrzeugen aller Art begeistern ihn auch die Themen Software, Internet, Online-Marketing, Politik, Wirtschaft und Gesundheit. Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.